OKI-Logo Moskauer Patriarchat und Ökumene


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Ein umfassendes Thema. Johannes Oeldemann vom Johann Adam Möhler Institut hat es ausführlich behandelt in CATHOLICA 1/2002 "Die Komplementarität der Traditionen".
Wichtiges dazu hat Bischof Prof. Dr. Gerhard Feige dazu in Erfurt gesagt.

Die russische Kirche hat immer eine positive Sonderstellung eingenommen gegenüber den anderen orthodoxen Ortskirchen, was Ökumene anbelangt, die Anerkennung der anderen Kirchen.
Nach dem 1. Jahrtausend der oft jahrzehntelangen Exkommunikationen in der katholischen Kirche Ost und West und der wachsenden Entfremdung im 2. Jahrtausend kam es im 18. Jahrhundert zu einer folgenschweren Trennung zwischen Ost und West, nach der man immer häufiger von zwei Konfessionen im modernen Sinne spricht, "katholisch" und "orthodox", nämlich mit dem Verbot der "communicatio in sacris" durch die römische Kongregation für die Glaubensverbreitung Propaganda Fide 1729.

Der Zweifel offizieller Stellen in Rom an der Berechtigung der griechischen Kirchen zur Spendung der Sakramente und die Konkurrenz zwischen sogenannten Unierten Orthodoxen und sogenannten Nicht-unierten Orthodoxen beunruhigte die griechischen Patriarchen.

Im Juli 1755 erklärten die Patriarchen von Konstantinopel, Alexandrien, Jerusalem in Konstantinopel gemeinsam: Wir, die wir durch Gottes Erbarmen in der orthodoxen Kirche aufwuchsen, den Kanones der hl. Apostel und Väter gehorchen, nur die eine, unsere heilige, katholische und apostolische Kirche anerkennen, ihre Sakramente, folglich auch die Taufe annehmen, aber die Sakramente der Häretiker als verkehrt ansehen, wir verwerfen die Sakramente der Häretiker in gemeinsamem Beschluss. Wir nehmen die Konvertiten, die zu uns kommen, als Ungetaufte auf. Nie zuvor in der Kirchengeschichte hat es eine vergleichbare Verurteilung zwischen den griechischen und den lateinischen Kirchen gegeben. Das Patriarchat von Antiochien schloss sich an. Bis heute nicht aufgehoben, oft verschwiegen.

Aber Moskau "das Dritte Rom" schloss sich nicht an, sondern verfügte im Gegenteil 1757, dass weiterhin die Sakramente der westlichen Kirche anzuerkennen seien. So bestätigte der Moskauer Metropolit Filaret Drozdov im 19. Jahrhundert. Filaret wurde am 7. Dezember 1995 in der Kathedrale im Kreml in Moskau heilig gesprochen. Metropolit Sergij bekräftigte 1931 und 1936 die volle Anerkennung der katholischen Sakramente. Die russische orthodoxe Kirche hat am 16.12.1969 die Empfehlungen des 2. Vatikanums zur communicatio in sacris übernommen. Am 26.7.1986 (eine Delegation der DBK war gerade in Moskau) hat sie diese Empfehlung bekräftigt, aber ausgesetzt mit Rücksicht auf die anderen orthodoxen Kirchen.

"Vierter Kardinalshut für den russischen Priester Sergij Bulgakov?" schrieb eine schweizer Stelle, als auch Henri de Lubac Kardinal wurde und wie Balthasar, Jean Danielou, Grillmeier in seinen Memoiren bekannte, dass er der russischen Theologie und Philosophie des beginnenden 20. Jahrhunderts verdankt, was er als Konzilstheologe Neues in das 2. Vatikanische Konzil einbrachte, besonders in der Verarbeitung durch Sergij Bulgakov. Metropolit Kyrill von Smolensk sagte, er habe bei der Lektüre des 2. Vatikanischen Konzils das Gefühl gehabt: das kenne ich doch - und dann gemerkt, wie viel vom russischen Nationalkonzil 1917/1918 in die Erneuerung der Kirche durch das Vatikanische Konzil eingeflossen ist. Auch vorher hatte Russland manches für die Entwicklung in den kathoischen Kirchen geleistet, z.B. hat der Jesuitenorden in Russland überlebt, weil dort das Auflösungsdekret des Papstes nicht durchgeführt wurde.

Anfang der 90-iger Jahre hat die russische Kirche Kindergärtnerinnen, Erzieherinnen in den Westen gesandt und hat 1993 für ihre kirchlichen Kindergärten die Ordnung des Bistums Hildesheim übernommen.

1994 waren alle Rektoren der Theologischen Fakultäten und Seminarien nach Smolensk eingeladen. Sie diskutierten die Ausbildung und beschlossen eine neue Ausbildungsordnung. Dazu hatten sie zwei Jesuiten eingeladen, den Rektor des Russischen Kollegs in Rom und den Rektor der Theol. Hochschule Sankt Georgen P. Werner Löser SJ. Die beiden griffen ständig ein und brachten ihre Erfahrungen ein in die neue Ordnung.
Schier ein Wunder des hl. Geistes scheint mir, dass die russische Kirche im August 2000 auf ihrer Bischofssynode auch ein Dekret über die Ökumene verabschiedet hat mit der Aufforderung, die Kontakte zu den christlichen Kirchen zu pflegen, Bischofskonferenzen, Landeskirchen, Bistümern. Da steht zwar vorher viel drin, was man mit "Dominus Jesus" verglichen hat.
Schier ein Wunder, wenn man bedenkt, welchen schweren Vorwürfen der Patriarch in Russland ausgesetzt ist, er "der deutsche Halbjude", der zweite Mann Metropolit Vladimir von St. Peterburg ein Assyrer, Metropolit Kyrill ein Mordwine. Vier bis fünf Altgläubigen Kirchen gegen die russische Kirche, starke Propaganda der Russischen Auslandsynode gegen Aleksij (gerade hat die Auslandsynode in Dresden den Russen das Kirchengebäude weggenommen), der den wahren Glauben verraten hat und Ökumenismus fördert, die "Wahre Orthodoxe Kirche" gegen Aleksij mit zahlreichen Bischöfen in Russland.
Schier ein Wunder, weil die griechischen Kirchen (die nie die Verurteilung von 1755 aufgehoben haben) gerade 1994 in Thessaloniki durchgesetzt haben, dass noch nicht einmal ein Gebet mit Nicht-orthodoxen erlaubt ist. In Deutschland sind 1990 alle Lehrstühle für russische Philosophie gestrichen worden, fast alle Lehrstühle für Ostkirchenkunde. Die letzte Kirche wurde dem Moskauer Patriarchat im Juni 2002 in Dresden weggenommen. Umso bemerkenswerter, dass die bisher nur von Moskau aufrechterhaltene Anerkennung von Ost und West als einer Kirche, wie sie in der Diskussion um das "kanonische Territorium" zum Ausdruck kommt, offenbar auch von den orthodoxen Kirchen in Serbien, Bulgarien, Rumänien, Tschechien und Zypern geteilt wird - sie haben Solidaritätserklärungen an das Moskauer Patriarchat gesandt.

Aber das Wunder bleibt. Selbst in den kritischen Stellungnahmen des Moskauer Patriarchates nach der Errichtung der katholischen Bistümer in Russland in diesem Frühjahr wird zugleich betont, dass die Russische Orthodoxe Kirche weiter an einem Dialog mit den katholischen Kirchen interessiert sei, einzelnen Bischofskonferenzen, Bistümer, Ordensgemeinschaften. Gerade vergangenen Montag lese ich in den Mitteilungen des Patriarchates, wie gut der Besuch des Bistums Trient-Trento verlaufen sei (bei dem Patriarch seine Solidarität mit Papst Johannes Paul zum Ausdruck brachte, der unter der weltweit organisierten Pädophiliekampagne leidet).
Ich erinnere mich an die Begegnung von Bischof Josef Homeyer mit Patriarch Alexij im kalten Januar dieses Jahres in der Wohnung des Patriarchen im istij Pereulok in Moskau. Da wurde brüderlich über die Schwäche und Ärmlichkeit der russischen orthodoxen Kirchen in Russland gesprochen (und die Gäste aus dem Westen waren froh, dass sie zu diesem "Krankenbesuch" gekommen waren "nicht die Gesunden brauchen den Arzt, sondern die Kranken" Mt 9,12) und am Ende sagte der Patriarch fast unter Tränen "Nikolaus Wyrwoll, übersetze jetzt ganz genau: Lieber Bischof Josef, was Sie auch immer wirklich oder angeblich aus meinem Munde hören werden, ich versichere Sie, ich bleibe ökumenisch."
Überaus konservativ ängstliche un-ökumenische Realität bei den russischen Gesprächspartnern - und bei den polnischen ebenso und vielen anderen Katholiken.

Dr. Oeldemann vom Johann Adam Möhler Institut in Paderborn sagt in einem KNA-Interview (11.6.2002), dass wohl die Spannungen mit der Errichtung der katholischen Bistümer in Russland nicht entstanden wären, wenn sich die Katholiken in den letzten zehn Jahren an die "Prinzipien" gehalten hätten, die ja (II, 2.) die katholischen Bischöfe auffordern, darauf zu achten "dass keine Aktivität innerhalb ihres kirchlichen Jurisdiktionsbereiches Gefahr läuft, als eine parallele Evangelisierungsstruktur ausgelegt zu werden.
Bischof Prof. Dr. Gerhard Feige hat die ganze Situation hervorragend beschrieben beim Jubiläum der Theol. Fakultät in Erfurt.
Dr. Oeldemann macht im gleichen KNA-Interview einen konkreten Vorschlag. Den möchte ich aufgreifen im Sinne des Matthäuswortes "nicht die Starken brauchen den Arzt, sondern die Kranken". Oeldemann schlägt vor, die Kontakte zwischen der Deutschen Bischofskonferenz und der Russischen Orthodoxen Kirche wiederzubeleben und die Mitte der achtziger Jahre begonnene Reihe der Theologischen Gespräche möglichst bald fortzuführen.
Soweit Oeldemann. Das könnte z.B. geschehen als Antrittsbesuch des Nachfolgers von Bischof Franz Eder in der AG Kirchen des Ostens. Als Thema: Sozialwort der Russischen Orthodoxen Bischofssynode vom August 2000. Es liegt mittlerweile in zwei deutschen Übersetzungen vor, die Ausgabe der Konrad-Adenauer-Stiftung hat schon die zweite Auflage.
Die Russische Orthodoxe Kirche ist für solche Gespräche prädestiniert, mit feinem Gespür hat Prälat Wilhelm Schätzler deswegen 1983 Gespräche zwischen der DBK und der ROK vorgeschlagen.
Warum prädestiniert? weil die ROK von 1757 bis 2000 oft gegen alle anderen Orthodoxen festgehalten hat, dass Ost und West eine Kirche sind. Darum auch die verletzte Reaktion auf die Errichtung von Bistümern etwa wie der Psalmist in Psalm 54, 13f: denn nicht mein Feind beschimpft mich, das würde ich ertragen, nicht ein Mann, der mich hasst tritt frech gegen mich auf, vor ihm könnte ich mich verbergen. Nein du bist es, ein Mensch aus meiner Umgebung, mein Freund, mein Vertrauter, mit dem ich in Freundschaft verbunden zum Hause Gottes gepilgert bin inmitten der Menge. Ähnlich äußerte sich Achille Silvestrini mit Verweis auf Röm 15,20 bei einem Vortrag vor lutherischen Superintendenten im Domus S. Marthae, die mit mir in Rom zu einem Romseminar waren.
Bischof Franz-Xaver Eder hat Patriarch Aleksij seinen Abschiedsbesuch angekündigt für 16. Oktober 2002, begleitet von Prälat Dr. Albert Rauch und Dr. Johannes Oeldemann, Direktor im Johann-Adam-Moehler-Institut in Paderborn. Kardinal Kasper schreibt am 27. August 2002: Ich hoffe, dass Ihre Kontakte zum Moskauer Patriarchat auch uns helfen, wieder Vertrauen aufzubauen und den Dialog wieder aufzunehmen, um zu fairen und brüderlichen Regelungen für das gegenseitige Verhältnis zu kommen.

Dr. Nikolaus Wyrwoll
Ostkirchliches Institut
Ostengasse 31, D-93047 Regensburg